Von Venezuela bis Grönland: Konsequenzen der US-Hemisphärenpolitik
IFSH-Kurzanalyse von Dr. Tobias Fella
Die Vereinigten Staaten haben am 3. Januar 2026 unter Bruch des Völkerrechts militärisch in Venezuela interveniert und den dortigen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau gefangen genommen. US-Präsident Trump und Mitglieder seines Stabs haben in diesem Kontext einen Kontrollanspruch auf Venezuela erhoben und weiteren Ländern mit Intervention und Annexion gedroht.
US-Außenpolitik zwischen Monroe-Doktrin und Neo-Royalismus
Die Trump-Regierung ist damit von einem in der US-Geschichte bisher anzutreffenden „Imperialismus des Anti-Imperialismus“, also kein Imperium anzustreben, aber die Freiheit in die Welt tragen zu wollen, abgerückt. Stattdessen bekennt sie sich offen zu einer imperialistischen Politik. Ein Beispiel dafür ist der Trump-Zusatz zur Monroe-Doktrin von 1823, der Dominanz in der westlichen Hemisphäre als machtpolitisch notwendig begreift und auf traditionelle Verweise wie die Verteidigung von Demokratie und „freier Welt“ früherer US-Präsidenten weithin verzichtet.
Eine Interpretation lautet, dass es der aktuellen US-Administration vor allem darum geht, eine für sich selbst angenommene Exzeptionalität und ein Machtübergewicht zu demonstrieren: Dritten wird die Unterordnung abverlangt. In Bezug auf die internationale Ordnung gilt der Grundsatz, dass ein Staat nur so viel Recht und Souveränität hat, wie er Macht besitzt, sie durchzusetzen.
Die Politikwissenschaftler Stacie Goddard and Abraham Newman haben vor diesem Hintergrund den Begriff des „Neo-Royalismus“ geprägt. Danach streben die Trump-Regierung und ihr Umfeld eine Welt an, in der „Eliten-Zirkel“, die an frühere monarchische Familien erinnern, die Geschicke ihrer Nationen oder Räume bestimmen. Und dieser Zirkel ihren hervorgehobenen Status durch konkrete Handlungen wie die Extraktion finanzieller und kultureller Tribute gleichsam anzeigen und generieren.
Nach dieser Lesart wird der bürokratische Staat, in dem Außenpolitik – zumindest idealtypisch – durch Entscheidungen auf Basis nationaler Ziele und fachlicher Expertise gestaltet wird, zunehmend ersetzt. An seine Stelle treten personalistische Regime, in denen Führungspersonen mit wenig Einschränkungen handeln können und die in ihren Entscheidungen stark von kleineren Gruppen beeinflusst werden, die auch gegensätzliche Interessen verfolgen. In diesem Sinne wäre unter dem Dach der Demonstration von Übermacht genug Raum, auch für eine widersprüchliche Politik.
Eine andere Interpretation erklärt das US-Handeln vor allem mit Carl Schmitts Großraumtheorie mit ihrem Interventionsverbot für raumfremde Mächte und ihrem Interventionsrecht für die dominante raumeigene Macht. Der deutsche Philosoph wird in die Nähe des Trump-Umfelds gerückt. Er hat seine Theorie von 1938, mit der er NS-Raumansprüche rationalisierte, an der Monroe-Doktrin modelliert. Zudem wäre der US-Exzeptionalismus, der in den USA historisch immer wieder herangezogen wurde, um Interpretationshoheit über das Völkerrecht zu erheben, ein begünstigender Faktor.
America first
Beide Interpretationen schließen sich nicht aus. Ein Zugriff auf die Ölreserven Venezuelas und ein verbundener direkterer Zugang zur OPEC könnte die Entscheidung zur Absetzung Maduros ebenso beeinflusst haben, wie die Kontrolle dort vermuteter Krypto-Reserven. Auch ist es möglich, dass die Vereinigten Staaten mit ihrem Vorgehen den chinesischen Einfluss in den Amerikas zurückdrängen wollten, und Regime-Change-Interessen des Rubio-Camps ein Beweggrund gewesen sind. Wichtiger ist, dass althergebrachte staatenzentrierte Erklärungsmuster für die Außenpolitik der Vereinigten Staaten unter Trump an ihre Grenzen stoßen. Die Staatengleichheit, wie sie in der westfälischen Ordnung verbrieft ist, spielt für die aktuelle US-Regierung keine nennenswerte Rolle.
Gegenüber einem solchen Akteur wird eine Strategie der „maximalen Anlehnung“ vermutlich allenfalls eine temporäre Wirkung entfalten. Die europäischen Staaten wurden bereits zum Ziel von US-Strafmaßnahmen und werden dies auch weiterhin sein. Ein Vorgehen der US-Administration gegen die EU-Digitalregulierung ist zu erwarten. Zudem betrifft Ressourcenausbeutungspolitik der Vereinigten Staaten ein Europa, das unter Energiekostendruck steht, unmittelbar.
US-Ansprüche auf Grönland werden zur Bewährungsprobe für die EU
Präsident Trump und sein Kabinett haben wiederholt angekündigt, Grönland auf die ein oder andere Weise noch stärker unter US-Kontrolle bringen zu wollen. Dies muss nicht eine militärische Operation bedeuten. In ihrem Falle wäre ein größerer innenpolitischer Widerstand zu erwarten, als bei der zurückliegenden Intervention in Venezuela. Ausgeschlossen werden kann sie aber nicht.
Denkbar ist, dass Grönland ein sogenannter „Compact of Free Association“ nach dem Vorbild der US-Abkommen mit Mikronesien, den Marshallinseln und Palau angeboten wird. Diese Verträge sichern den Partnerstaaten ihre völkerrechtliche Souveränität zu, übertragen jedoch bestimmte hoheitliche Aufgaben, etwa in der Verteidigung, an die USA. In diesem Zuge könnte die Trump-Regierung auf ein Referendum über die Unabhängigkeit Grönlands von Dänemark hinwirken und diesen Prozess, inklusive der Abstimmung, durch gezielten politischen Druck begleiten.
Es gibt Anzeichen dafür, dass die Europäer:innen erkannt haben, dass eine Übernahme Grönlands durch die Vereinigten Staaten einen Schlag gegen das europäische Projekt darstellen würde. Die Grönländer:innen sind EU-Bürger:innen, die Insel ist für Europa militärisch, ökonomisch und geopolitisch wichtig. Dass die Lage ernst ist, unterstreicht, dass erste Expert:innen die zusätzliche Stationierung europäischer Streitkräfte auf Grönland eruieren. Dahinter steckt die Idee, den eigenen politischen Anspruch im Trump‘schen Sinne durch eine konkrete Handlung ausdrücken.
Bereits unterhalb dieser Schwelle ist es unumgänglich, dass die Europäer:innen die internationale Gemeinschaft und die Vereinigten Staaten an das Völkerecht erinnern, und Brüche – wie bei der US-Attacke auf Venezuela – als solche benennen. Dies ist nicht nur moralisch, sondern realpolitisch geboten. Internationale Rechtsnormen entstehen auch durch die Staatenpraxis und Europa verfügt noch nicht über die Kapazitäten und Einigkeit, um in einer Großmachtordnung zu bestehen.
Es braucht Verbündete, insbesondere dann, wenn eines Tages ein Negativszenario zur Notwendigkeit wird: die Gegenmachtbildung gegen die Vereinigten Staaten.
Zum Autor:
Dr. Tobias Fella ist Leiter des Projekts “Deep Cuts” am IFSH.