Das von Dr. Anna Kreikemeyer geleitete Forschungsprojekt "Lokaler Frieden in Zentraleurasien" konnte erfolgreich abgeschlossen werden. (c) privat

Die Vielfalt der Friedensstiftung wertschätzen

Abschluss des Forschungsprojektes zum traditionalen Friedensaufbau in Zentraleurasien

In vielen Gesellschaften tragen Laien, informelle Gruppen und lokale Vereinigungen zum Friedensaufbau von unten bei. Sie tun dies in Alltagskonflikten wie Nachbarschaftsstreitigkeiten um Ressourcen, aber auch angesichts von lokalen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Das von der Deutschen Stiftung Friedensforschung geförderte Profilprojekt Lokaler Frieden in Zentraleurasien fragte daher, wie, warum und in welchem Umfang Menschen in traditionalen Kontexten in dieser Region zur Friedensstiftung beitragen. 

Basierend auf dem Konzept und der Methodik der Ethnografischen Friedensforschung untersuchte ein interdisziplinär und interregional zusammengesetztes Team zwischen 2023 und 2025 den Friedensaufbau von unten. Dr. Mariam Darchiashvili, eine Sozialanthropologin aus Georgien und Dr. Arzuu Sheranova, eine Politikwissenschaftlerin aus Kirgisistan, arbeiteten vor Ort und besprachen sich regelmäßig in Online-Meetings mit Dr. Anna Kreikemeyer, Friedensforscherin am IFSH. Ein internationaler und interdisziplinärer Beirat beriet das Team. Vor dem Hintergrund von verbreiteten sozio-ökonomischen Konflikten führte es verschiedene Einzelstudien durch. So beispielsweise in Dörfern in der georgischen Region Duschetien, in der usbekischen Gemeinde Zhibek-Zholu und in der ethnisch gemischten Stadt Osch in Kirgisistan, sowie in der ländlich geprägten kirgisischen Region Kara-Suu. Das Forschungsteam erarbeitete eine Systematisierung des gesellschaftlichen Friedensaufbaus in traditionalen Kontexten und erforschte Friedenspraktiken und -strategien von Frauen in solchen patriarchalen und hierarchischen Ordnungen.

Die Untersuchungsergebnisse des IFSH-Projektteams füllen Lücken in der post-liberalen Friedensforschung, die nach Wegen sucht, nicht-liberale soziale Ordnungen besser zu verstehen. Die Auswertung der gesammelten Daten zeigt, wie das jeweilige Zusammenspiel von Weltanschauungen, Alltagspraktiken und informellen Institutionen als Frieden von unten verstanden wird und zu Harmonie und sozialer Eintracht beitragen kann. Die Analysen zeigen aber auch, wie staatliche und internationale Machtstrukturen sowie der soziale Wandel diesen lokal begrenzten Frieden beeinflussen und stören können. Ohne zu romantisieren, verweist die Systematisierung traditionaler Friedenspraktiken und -strategien auf den hohen Stellenwert von informellen Beziehungsgeflechten in der erweiterten traditionalen Familie und in Netzwerken in der Nachbarschaft und der Gemeinde. Diese Beziehungsgefüge stärken die soziale Einbettung, aber auch gegenseitige Abhängigkeiten. Sie sind relativ unabhängig von externen Einflüssen und wirken auch in Migrationsprozessen. Darüber hinaus prägen sie auch die Handlungsfähigkeit von Frauen beim Friedensaufbau in patriarchalen und hierarchischen Kontexten. In gesellschaftlich respektierten Räumen nutzen viele Frauen unsichtbare Praktiken des Schweigens, des Fassadenverhaltens und spezifische Netzwerke von Frauen, um zur Konfliktverhütung, Mediation, Solidarität und Selbstorganisation beizutragen. Im Ergebnis verfügen manche dieser Frauen nicht nur über Mittel und Wege, frühe Mädchenverheiratung und häusliche Gewalt zu bekämpfen, bis zu einem gewissen Grad gelingt es ihnen auch, wirtschaftliche Not, die Hauptkonfliktursache, gemeinsam zu bewältigen.  

Insgesamt gesehen leisten die Ergebnisse des IFSH-Projekts Lokaler Frieden in Zentraleurasien einen Beitrag zur postliberalen Friedensforschung. Lokale Kapazitäten werden sichtbar, wenn Differenzen der traditionalen und Indigenen Friedensstiftung nicht länger ausgeblendet und die Vielfalt beim Friedensaufbau stärker wertgeschätzt werden. Die Friedensforschung sollte daher ihre Reflexivität stärken, um diese Vielfalt jenseits liberaler Blaupausen noch besser zu erkennen und tiefer zu verstehen. Um „peace-in-difference“ (Behr 2018) wirklich zu stärken, gilt es außerdem interregionale Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu entwickeln und transdisziplinäres und solidarisches co-learning for peace jenseits des Staates voranzubringen.

Projektpublikationen:

Special Section Indigenous Peacemaking 
Gastherausgeberin: Anna Kreikemeyer
Journal of Intervention and Statebuilding 
https://www.tandfonline.com/toc/risb20/current

Einzelaufsätze 

  • Kreikemeyer, A., Darchiashvili, M. and Sheranova, A. (2026) ‘Societal peacemaking in customary contexts in Central Eurasia”, Peacebuilding, online first, 1-14, https://doi.org/10.1080/21647259.2025.2610142.
  • Kreikemeyer, A., Darchiashvili, M. and Sheranova, A. (2026) ‘Ethnographic Perspectives on Female Peacemaking in Customary Contexts in Central Eurasia’, Central Asia and the Caucasus 27 (1), pp. 75-91, DOI: https://doi.org/10.61841/px0czz30.
  • Sheranova, A. (2026). ‘Ethnographic Studies of Everyday Situated Peace between Kyrgyz and Uzbeks in Osh Bazaars and Workplaces’. Central Asian Affairs, https://doi.org/10.30965/22142290-bja10082.

Forschungsbericht

  • Kreikemeyer, A., Darchiashvili, M. and Sheranova, A. (2026). Embracing Difference in Peacemaking, DSF-Forschung kompakt+, 11 (im Erscheinen). 

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