Tagelanger Stromausfall in Teilen Berlins: Was nun bei der Krisenvorsorge getan werden muss
IFSH-Kurzanalyse von Wolfgang Rudischhauser, Dr. Matthias Schulze, Dr. Mateusz Łabuz und Dr. Tobias Fella
Ein schwerer Kabelbrand an einer wichtigen Stromversorgungsleitung legt am Sonntag, dem 4. Januar 2026, früh morgens Teile des Berliner Südens lahm. Dieser Blackout legt tieferliegende Probleme mit der Krisenvorsorge und -reaktion und der Resilienz der kritischen Infrastrukturen in der Hauptstadt und darüber hinaus offen. Expert:innen warnen seit Jahren, dass die kritischen Infrastrukturen (Strom, Telekommunikation, Wasser, Gas etc.) in Deutschland nicht ausreichend gegen Sabotage oder andere Eingriffe geschützt sind. Entscheidend ist daher, welche Schlussfolgerungen wir daraus ziehen.
Verletzlichkeiten moderner Infrastrukturen minimieren
Wie hoch die Verletzlichkeit der Energieinfrastruktur rund um Berlin ist, zeigt die Tatsache, dass dies bereits der dritte, größere Vorfall in der Region seit zwei Jahren ist (Strommastanschlag bei Berlin-Adlershof im September 2025; Brandanschlag auf das Tesla-‑Werk Brandenburg im März 2024). Dass es Tage dauerte, die Stromversorgung (von nur vier betroffenen Bezirken) in Berlin über Ersatzleitungen wiederherzustellen, zeigt aber auch die weiter nicht ausreichende Schaffung von Redundanzen und Netzresilienzen. Es ist bezeichnend, dass es der schwer kriegsgeschädigten Ukraine gelingt, gezielte russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur schneller wieder in den Griff zu bekommen, als es in Berlin der Fall ist, wo auch am dritten Tag nach dem Anschlag immer noch über 28.000 Haushalte ohne Strom waren.
Immer noch verlaufen über ein Prozent der Stromzuleitungen in Berlin oberirdisch und sind gegen Fremdzugriffe kaum geschützt. Dass die meisten Informationen darüber auch noch öffentlich zugänglich sind, kommt erschwerend hinzu.
Die Verletzlichkeiten sind aber nicht nur auf die Energieversorgung beschränkt. Ausfallende Handymasten und damit -verbindungen, stark gestörter ÖPNV und Angriffe auf die Verkehrsinfrastruktur nehmen seit Jahren zu. So führten Kabeldiebstahl und Sabotage 2023 und 2024 zum kurzzeitigen Ausfall der Bahnstrecken Berlin-Hamburg und Bremen-Hamburg. Drohnensichtungen über mehreren deutschen Flughäfen (Hamburg, München, Berlin) führten ebenfalls 2025 zu mehrstündigen Einschränkungen oder Einstellung des Flugverkehrs.
Mit dem vom Bundeskabinett im Herbst 2025 verabschiedeten, aber bis dato nicht vom Parlament beschlossenen KRITIS-Dachgesetz sollen Betreiber und Versorger kritischer Infrastrukturen in Deutschland zum besseren Schutz und zur Überwachung ihrer Einrichtungen gegen Fremdeingriffe gezwungen werden. Es soll die Betreiber wichtiger Sektoren (Energie, Verkehr, Gesundheit etc.) zu umfassenden Schutzmaßnahmen verpflichten, darunter Risikomanagement, Business-Continuity-Management zum Aufrechterhalten des Notbetriebs in Krisenlagen sowie die Aufstellung von Planungen, Prozeduren und Ressourcen für die schnelle Wiederherstellung nach einer Krisenlage, inklusive regelmäßiger Übungen. Problematisch ist dabei, dass die geplanten Schwellenwerte oft bei der Versorgung von über 500.000 Menschen liegen, also um den Faktor 10 über der Zahl der aktuell in Berlin Betroffenen. Sachverständige hatten dies während der Anhörung im Bundestag 2025 einhellig kritisiert.
Reaktionskapazitäten stärken
Auch bei den Krisenreaktionskapazitäten ist noch Luft nach oben. Katastrophen- und Bevölkerungsschutz ist in Deutschland weiterhin überwiegend föderal organisiert. Aber selbst auf Länderebene (Beispiel Berlin) verteilen sich die Verantwortlichkeiten etwa auf die Senatsverwaltung für Inneres, Feuerwehr, Polizei und die Bezirksämter. Für Planung und Koordination gibt es zwar seit 2020 ein Kompetenzzentrum für Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement (KBK), dieses ist aber nicht entscheidungsbefugt. Entscheidungen bleiben bei den einzelnen Akteuren. So hatte erst vor vier Wochen ein Bericht des Berliner Rechnungshofs gravierende Schwächen im Katastrophenschutz der Hauptstadt benannt.
Auch deutschlandweit gibt es kein nationales Krisenzentrum wie etwa in Belgien seit 2018. Die Bundeswehr kann zwar in Notlagen Hilfe leisten und im Rahmen von Amtshilfe die Kräfte vor Ort (z.B. Feuerwehr, Polizei, Technisches Hilfswerk) unterstützen. Dies muss aber das jeweilige Bundesland formal beantragen. In der aktuellen Krise wurde ein solches Amtshilfeersuchen von Berlin erst nach über 24 Stunden, am 6. Januar, gestellt.
Die öffentliche Reaktion, auch in der Presse, beschränkt sich bisher auf unbestätigte Schuldzuweisungen („Linkterroristen“) und eine breite Solidarität mit der betroffenen Bevölkerung (Wärmestuben, kostenfreie Hotelzimmer, warmes Essen etc.). Von den nach dem letzten Stromausfall vom Senat geplanten 45 „Katastrophenschutz- Leuchtturmeinrichtungen“ (Anlaufstellen in Katastrophen zur Ersthilfe) in den 12 Bezirken sind erst knapp ein Drittel aktiv.
Russland und China nicht in die Karten spielen
Die Probleme enden aber nicht mit der Krisenreaktion und -versorgung. Wo diese nicht im erforderlichen Umfang funktioniert, machen sie die Gesellschaft anfällig für die hybride Kriegsführung. Russland, insbesondere seit dem Einmarsch in der Ukraine 2022, aber auch China (vor allem Cyberangriffe) greifen unsere freien Gesellschaften seit Jahren unterhalb der Schwelle eines physischen Kriegs mit verschiedensten Aktionen an und versuchen diese zu destabilisieren. Die Forschung zeigte jüngst, dass chinesische Nachrichtendienste systematisch Schwachstellen in westlichen Energie- und Telekommunikationsinfrastrukturen aufspüren, um diese in einer Krise ausnutzen zu können.
Gleichzeitig sind Krisen immer auch ein Einfallstor für psychologische Kriegsführung und Desinformationskampagnen. Dabei spielen den Akteuren Probleme der Zurechenbarkeit wie auch der Faktor „Zeit” in die Hände. Die Politik sieht sich in der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie genötigt, sofort Zuschreibungen vorzunehmen und bedient dadurch bestehende Narrative („Linksterroristen“, „Russland“). Gleichzeitig eröffnet dies Gegner:innen der bestehenden Ordnung Chancen, ihre Narrative „falscher Prioritäten“ zu plakatieren. Die Berliner Zeitung vermeldet am 5. Januar etwa: „Während in Berlin das Licht ausgeht: 1700 THW-Generatoren sichern Energie in der Ukraine“.
Der Vorfall in Berlin sollte als Vorbereitung für den Ernstfall verstanden werden. Kritisch wird es dann, wenn etwa Russland (oder China) in einem Krisenszenario gezielt multiple Sabotageakte an verschiedenen Orten startet.
Deutschland ist zudem aufgrund seiner zentralen geografischen Lage Primärziel, weil es für die militärische Verlegefähigkeit der NATO nach Osten relevant ist. Ausspähungen von Logistikinfrastruktur, Drohnenüberflüge über Flughäfen und Bundeswehr-Kasernen, Kabeldiebstahl und -brand an wichtigen kriegsrelevanten Bahnverbindungen können daher als asymmetrische Vorbereitung auf künftige Konflikte verstanden werden.
Eine technische Krise kann schnell zu einer Vertrauenskrise werden
Von entscheidender Bedeutung ist nicht nur die Dauer der technischen Wiederherstellung der Stromversorgung, sondern auch, wie lange die Bevölkerung bereit ist, Störungen zu akzeptieren, ohne das Vertrauen in öffentliche Institutionen zu verlieren. In Zeiten der tiefgreifenden Digitalisierung bedeutet ein Stromausfall heute nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern auch den Verlust von Einkommen, Arbeitsmöglichkeiten, Zugang zu Informationen und grundlegenden Dienstleistungen. Dadurch werden langanhaltende Infrastrukturausfälle zu einem äußerst wirksamen Instrument für politischen Druck und Destabilisierung – auch ohne militärische Eskalation. Wenn der Staat nicht in der Lage ist, die Situation glaubwürdig zu kommunizieren, klare Abhilfemaßnahmen aufzuzeigen und Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, verwandelt sich eine technische Krise schnell in eine Vertrauenskrise. Aus dieser Perspektive sind Investitionen in die Widerstandsfähigkeit der Infrastruktur gleichzeitig Investitionen in die Widerstandsfähigkeit der Demokratie, denn gerade das Gefühl der Sicherheit und Vorhersehbarkeit in der Gesellschaft entscheidet über die Fähigkeit des Staates, unter Druck zu funktionieren.
Was sollte die Politik aus dem Berliner Blackout lernen?
Zunächst ist der Staat insgesamt bei der Schaffung von Resilienz gefordert. Der/die Einzelne kann nicht alles stemmen, trotz aller Solidarität unter den Berliner:innen. Ein effektiver Katastrophenschutz ist nur möglich, wenn der Staat und Private gemeinsam agieren. Dabei ist die private Krisenvorsorge ebenso essenziell wie mehr Geld für den Katastrophenschutz und das THW bereitzustellen. Zentral ist dabei, die breite Bevölkerung mitzunehmen. Schweden und Finnland gehen dabei mit gutem Beispiel voran. So bereitet Schweden schon seit vielen Jahren die gesamte Bevölkerung praktisch und mental auf den Katastrophen- bzw. Kriegsfall) vor. Seit 2018 (und erneut 2024) erhalten alle schwedischen Bürger:innen eine Vorsorgebroschüre mit Empfehlungen („Im Falle von Krisen oder Krieg“).
Der Staat hat die primäre Aufgabe, Abhängigkeiten zu reduzieren. Gasspeicher, dezentrale Energieversorgung, doppelte Netzstrukturen für Daten/Kommunikation bereitzustellen bzw. Betreiber zu Back-ups zu verpflichten. So wurde etwa in Deutschland fatalerweise erst vor wenigen Jahren auf Druck der Mobilfunkbetreiber deren Verpflichtung abgeschafft, ihre Verteilermasten mit Notstromkapazitäten für mindestens acht Stunden zu versorgen. Oberste Verwaltungspriorität sollte die Implementierung der EU NIS2-Richtlinie zur Cybersicherheit und des (rasch zu beschließenden) KRITIS-Dachgesetzes haben, auch für Kommunen und kleine Betreiber mit weniger als 500.000 Kunden.
Kommunen und kommunale IT‑Betreiber sollten das bekannte Kompendium von Cybersicherheitsmaßnahmen (BSI-Grundschutz) verinnerlichen und regelmäßige Übungen durchführen.
Auch bei der Energiewende muss die Sicherheitsplanung dringend mit einbezogen werden, etwa durch die Schaffung autonomer Versorgungszellen wie den sogenannten Balkon-Kraftwerken oder einer Wabenstruktur der Netze, um Ausfälle besser regional begrenzen zu können.
Andere Länder machen zu vielen Krisen-Szenarien regelmäßig groß angelegte Katastrophenschutzübungen, auch um Selbstwirksamkeit und gegenseitige zivile Fürsorge der Bevölkerung zu trainieren und diese mitzunehmen. In Deutschland gibt es nur alle drei Jahre eine länderübergreifende und vollumfängliche Katastrophenübung (LÜKEX). Ohne eingeübte Praxis sind selbst die besten Katastrophenschutzkonzepte ungelebte Theorie.
Schließlich: Nimmt die Bevölkerung einen Staat wahr, der grundsätzlich öffentliche Güter und Sicherheit effektiv produziert, wird sie vermutlich eher bereit sein, mit Engpässen umzugehen. Dennoch bleibt: Selbst bessere Vorsorge garantiert keinen hundertprozentigen Schutz. Unsere moderne Infrastruktur ist breit verteilt und fragil. Daher erfordert es neben schnelleren Wiederanlaufplänen im Krisenfall (Resilienz) auch kognitive Krisenfestigkeit bei der Bevölkerung.
Ohne solche Maßnahmen ist die nächste Krise vorprogrammiert.
Zu den Autoren:
Wolfgang Rudischhauser ist China-Experte und Non-Resident Fellow am IFSH.
Dr. Matthias Schulze ist Leiter des Forschungsfokus “Internationale Cybersicherheit” am IFSH.
Dr. Mateusz Łabuz ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsfokus “Internationale Cybersicherheit” am IFSH.
Dr. Tobias Fella ist Leiter des Projekts “Deep Cuts” am IFSH.